Grundzüge der türkischen Geschichte von den Anfängen bis 1923

Die Türken und die ersten türkischen Staaten: Die Türken bilden eine Volksgruppe, die sich unter einer Sprache vereinigt, die der uralaltaischen Sprachgruppe angehört. An den Hängen der Kö?menBerge betraten sie im 7. Jahrhundert die Bühne der Geschichte.

Nach chinesischen Quellen begann die politische Existenz der Türken im 3. Jahrhundert v.Chr. mit den Hunnen. Zur Zeit von Mete Han gründeten sie ein grosses Reich, besiegten die Mongolen und Yüchchin (Issedonen) und brachten Chinas Tor zum Westen und die von dort ausgehenden Handelswege unter ihre Kontrolle.

Nach Auflösung des asiatischen Reiches der Hunnen wurde im Jahre 552 an den östlichen Ausläufern des AltaiGebirges das Reich der GökTürken gegründet. Sie gebrauchten das erste Mal das Wort “Türke” in der offiziellen Bezeichnung ihres Staates. Bilge Ka?an und Kül Tigin gehörten in der Geschichte der türkischen Staatskunst zu den weisen und heldenhaften Herrschern. Tonyukuk, ein weiterer Staatsmann der GökTürken, hat seine eigenen Taten und die der beiden letztgenannten Herrscher der Göktürken in Schrift gesetzt. Diese Schriftstücke sind als “OrhunInschriften” die ersten Texte in türkischer Sprache.

Die Uiguren gründeten 741 an stelle der GökTürken einen weiteren türkischen Staat. Nach einem Angriff auf die Hauptstadt seitens der türkischstämmigen Kirgisen aus dem Nordwesten löste sich das Reich der Uiguren jedoch wieder auf.

Die Westhunnen, die im Gebiet des AralSees und in Turkistan wohnten und die Enkel der asiatischen Hunnen sind, verliessen auf Grund des Druckes der Uaren ihre Heimat und wanderten in das Gebiet westlich der Wolga. Seit der Zeit des Ba?bu? Balamir begannen die WestHunnen sich von NordWesten her Europa zu nähern. So begann die historische Völkerwanderung, die die ethnische Struktur Europas nachhaltig veränderte, die nördlichen Provinzen des Römischen Reiches destabilisierte und die sich bis nach Spanien erstreckte.

An die Spitze des Westlichen Reiches der Hunnen, das der erste türkische Staat in Europa war, kam 434 Attila, dem sich alle barbarischen Stämme Europas, zeitweilig aber auch Byzanz und Westrom unterwarfen. Um diese Zeit erlebte dieses Reich seine mächtigste Periode.

Nach den westhunnischen Türken waren die Awaren der zweite türkische Stamm, der in Europa seine Existenz und seine Kraft zum Ausdruck brachte. Nach der Gründung des Staates der Göktürken 552 begannen die Awaren in Richtung Westen zu ziehen und liessen sich zunächst im Norden des Kaukasus und des Schwarzen Meeres nieder, setzten dann ihre Wanderung nach Westen fort und errichteten eine Herrschaft, die von den Grenzen Griechenlands bis nach Deutschland reichte. Zusammen mit den bulgarischen Türken belagerten sie 626 ?stanbul und drangen bis an die Mauern von Byzanz vor. Die Awaren waren die ersten Türken, die ?stanbul belagerten.

Nach den Awaren erschienen die Hasaren. Sie gründeten zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert einen mächtigen Staat, der sich von der Wolga bis Kiew erstreckte. Der hasarische Staat brachte gegenüber den Menschen in ihrem Herrschaftsgebiet, die verschiedenen Religionen angehörten, eine grosse religiöse Toleranz entgegen. Türkisch war die am meisten verbreitete Sprache. Zudem wurde in den Sprachen der Region das Kaspische Meer nach ihnen benannt. Die politische Existenz dieses Staates hörte im Jahr 968 auf.

Nach den Hasaren waren es im 10. Jahrhundert die Petscheneken, die die türkische Präsenz in Europa fortsetzten. Sie konntendemfortwährendenDruckderHasarenunddes

Stammes der Oghusen nicht widerstehen und begaben sich über die Wolga in das Gebiet der Ungarn. Dort vertrieben sie die Ungarn und liessen sich selbst in dem Gebiet nieder. 1091 erlitten sie gegen die vereinten Armeen von Byzanz und Kuman eine schwere Niederlage. Damit fand die politische Existenz der Petscheneken ein Ende. Mit dem Rückzug der Petscheneken von der Bühne der Geschichte hatte auch die erste Etappe des 700jährigen europäischen Abenteuers der Türken in Europa ein Ende gefunden. Für die nächsten 200 Jahre sollten die Türken in Europa nicht mehr gesehen werden.

Geschichte der Türken in islamischer Zeit: Nach dem Zerfall des Staates der Uiguren hat sich Karluk 840 zum rechtmässigen Herrscher der Steppe ernannt und den KarahanStaat gegründet. Zur Zeit des Herrschers Satuk Bu?ra Han von Karahan wurde der Islam als offizielle Religion angenommen. Die Grundlage zur historischen Entwicklung einer türkischislamischen Kultur und Zivilisation wurden hier gelegt.

Zur Zeit der Herrschaft von Karahan wurde mit dem GhasnawidenStaat mit der Hauptstadt Ghasna im heutigen Afghanistan ein zweites türkisches Reich (9691187) gegründet. Der Ghasnawide Mahmud, der zum ersten Mal den Titel eines Sultans annahm, unternahm mehrere Züge nach Indien,das er islamisierte,und legte somit den Grundstein für das heutige Pakistan. In der Zeit nach Sultan Mahmud verlorendie Ghasnawidendie DandanakanSchlacht (1040) gegen die Seldschuken, zogen sich nach Indien zurück und erkannten später die seldschukische Oberhoheit an.

Das GrossSeldschukenreich (10401157) wurde von Seldschuk Bey, einem Abkömmling des Zweiges der K?n?k aus dem Stamm der Oghusen, gegründet. Die Seldschuken erlangten auch die Oberherrschaft über die Staaten der Karahan und der Ghasnawiden, und stellten solchermassen die Einheit unter den Türken her. Der seldschukische Sultan Tu?rul Bey drang 1055 in Bagdad, der Hauptstadt des abbasidischen Kalifats, ein und beendete die Herrschaft des schiitischen Staates der Bujiden; daraufhin verlieh ihm der Kalif den Titel ‘Herrscher der Welt’. Tu?ruls Nachfolger Sultan Alparslan bereitete dem byzanthinischen Kaiser Romanos Diogenes 1071 bei Malazgirt eine vernichtende Niederlage und eröffnete damit für die Türken das Tor nach Anatolien. Zur Zeit von Sultan Melikschah erlebte das Seldschukenreich seine glanzvollste Periode. Die zu dieser Zeit errichtete NizamiyeMedresse bildete den Grundstein für die Universitäten der westlichen Länder.

Nach dem Tod von Melikschah zerfiel das Seldschukenreich in mehrere kleine Staaten wie z.B. die Seldschukenreiche von Syrien (10921117), von Irak und Chorasan (10921194), von Kirman (10921187) und das Türkische Seldschukenreich (10921308). Daneben wurde der Staat der ChvarezmSchahs (10971231) gegründet.

Der wichtigste dieser kleinen Staaten war das von Kutalm??o?lu gegründete anatolische RumSeldschukenreich mit dem Verwaltungszentrum ?znik. Mesud I., der Sohn von K?l?ç Arslan I., brachte den Kreuzrittern, die sich auf Konya zubewegten, in der Nähe von Ceyhun eine Niederlage bei, und sein Nachfolger K?l?ç Arslan II. besiegte die byzanthinische Armee in Myriokephalon in der Nähe von Denizli. Damit war jeglicher Einfluss von Byzanz auf Anatolien beendet. In der Zeit von Sultan Alaeddin Keykubad I. erlebte das anatolische Seldschukenreich seine grösste Blüte.

Nachdem aber dieser Herrscher durch Gift getötet wurde, erhoben sich Wirren im Lande. Auf den Aufstand der Babai folgten die Einfälle der Mongolen. Nach der Schlacht von Köseda? 1243 wurde Anatolien von den einfallenden Mongolen zerstört. Als sich gegen Ende des 13. Jahrhunderts die Herrschaft der Mongolen abschwächte, gründeten die Turkmenen, die sich zuvor an den Grenzen des anatolischen Seldschukenreiches niedergelassen hatten, auf anatolischem Boden die Fürstentümer Karaman, Germiyan, E?ref, Hamid, Alaiye, Ramazan, Dulkadir, Taceddin, Mente?e, Candar, Pervane, Sahib Ata, Karesi, Saruhan, Ayd?n, ?nanç und Osmano?ullar?. In dieser ‘Epoche der Beylik’s genannten Zeit ist Anatolien vollständig eine Heimat der Türken geworden.

Daneben wurde in Ägypten nach dem Tod des ajjubidischen Herrschers EsSalih Necmeddin vom Kommandanten der Armee ?zzeddin Aybeg der türkische Kölemen(Mameluken) Staat gegründet (12501517). Der Mamelukenstaat nimmt in der Türkischen Geschichte einen wichtigen Platz ein, denn zur Zeit Sultan Aybegs wurde der VII. Kreuzzug mit dem Sieg von Mansure aufgehalten. In der Zeit von Seyfeddin Kotuz erlitt die Allianz der Mongolen, Armenier und Kreuzfahrer eine vernichtende Niederlage, was ihr Eindringen nach Syrien verhinderte. Der mamelukische Staat wurde schliesslich vom Osmanischen Reich übernommen.

Eines der wichtigsten Reiche des 14. Jahrhunderts war der Staat der Timuriden (13701507). Dieser Staat wurde von Timur, einem der Häuptlinge aus den Ça?atayKhanaten, gegründet. Innerhalb der kurzen Zeitspanne von 35 Jahren dehnte Timur die Grenzen seines Reichs von der Wolga bis zum Ganges und vom Himalaja bis nach ?zmir und Damaskus aus. Nach Timurs Tod zerfiel dasReich. Von den Timuriden konnte sich lediglich Hüseyin Baykara in Chorasan halten. Dort machte er seine Hauptstadt Herat zu einem wichtigen Kulturzentrum der türkischen Geschichte. Hier wuchs der türkische Dichter und Staatsmann Ali ?ir Nevai auf.

Die turkmenische Gruppe der ‘Karakoyunlu’, die sich aus den oghusischen Volksstämmen der Y?va, Yaz?r, Dö?er und Av?ar konstituierten, bildeten zwischen Erbil und Nachitschewan den KarakoyunluStaat,(13801469). Sein Herrscher Herrscher Kara Yusuf musste aufgrund des Druckes von Timur zum osmanischen Herrscher Y?ld?r?m Bayezid flüchten. Dies war wohl der Grund für die Schlacht von Ankara. Kara Yusuf errichtete 1406 sein altes Reich aufs neue und verleibte ihm auch noch Mardin, Erzincan, Bagdad, Aserbeidschan, Täbriz, Ghazvin und Sultaniye ein. Nach dem Tod von Kara Yusuf entstanden Wirren im Land. Schah Dschihan konnte zwar den Staat noch einmal einigen, als er aber gegen Uzun Hasan von den ‘Akkoyunlu’ in Mardin eine Niederlage erlitt, ging die Herrschaft über das Land an letzteren über.

Die‘Akkoyunlu’Turkmenen gründeten in der Gegend von Diyarbak?r den Staat der Akkoyunlu (13501502). Der Staat wurde von Kara Yülük Osman Bey gegründet und erlebte seine Glanzzeitunter Uzun Hasan. Die Niederlage vonUzun

Hasangegen Sultan Mehmed, dem Eroberer in der Schlacht vonOtlukbeli 1473),bedeutetejedochden Zerfall der Staatseinheit und die schliessliche Auflösung dieses Staates.

Von den Wirren im Staat der Akkoyunlu profitierte Schah ?smail, der die verstreuten Turkmenen im Iran vereinigte und den SafawidenStaat gründete (1501). Mit seinem strengen schiitischen Eifer erweiterte er die Grenzen seines Landes. Als er jedoch auch in Anatolien aktiv wurde, kam es zu Auseinandersetzungen mit dem osmanischen Herrscher Sultan Selim ‘Yavuz’. In der Schlacht von Çald?ran (1514) erlitt Schah ?smail eine vernichtendeNiederlage.

Auch die nachfolgenden safawidischen Herrscher verloren jede Auseinandersetzung mit dem Osmanischen Reich. Mit der Regierung von Nadir Schah, der den Av?arStaat gründete, fand der Staat der Safawiden 1760 sein offizielles Ende.

Zahirüddin Babür (Babur), der aus dem Haus Timurs stammte und durch seine in türkisch geschriebene Autobiographie ‘Vekayi Babürname’ berühmt geworden ist, drang in Indien ein und gründete dort das Mogulreich (1526). Nach seinem Tod haben sein Sohn Hümayun und danach Akbar den Staat weiterentwickelt und einen grossen Teil des indischen Subkontinents unter eine einheitliche Herrschaft gebracht. Zur Zeit von Hürrem, der als Herrscher ‘Schah Dschihan’ genannt wurde, erlebte das Reich sowohl politisch als auch künstlerisch eine prächtige Epoche. In dieser Zeit entstand TadschMahal, eines der schönsten Bauwerke der Welt. Zur Errichtung dieses Werkes kamen Architekten aus dem Osmanischen Reich.

Nach dem Tod von Alemgir I. begannen innere Wirren, die bis zur Zeit von Schah Bahad?r II. andauerten. Nachdem die Engländer 1858 einen Aufstand niederschlugen, wurde Indien England unterstellt.

Das Osmanische Reich (12991923): Das Osmanische Reich wurde von Osman Bey gegründet. Er gelangte andie Spitze aller von den Oghusen stammenden Kleinfürstentümer am Rande Anatoliens. Innerhalb kurzer Zeit konnten die Osmanen die türkischen Fürstentümer in Anatolien vereinenundsomitdieEinheitderTürkenin Anatolien

herstellen. Nachdem sie Bursa eroberten und zur Hauptstadt machten, drangen sie in europäisches Gebiet vor und beherrschten zur Zeit Murad I. grosse Teile des Balkan. 1362 wurde Edirne erobert undanstelle vonBursa zur Hauptstadt gemacht. Als Sultan Mehmed der Eroberer 1453 ?stanbul einnahm, hörte Byzanz auf zu existieren. Damit war das Mittelalter beendet, und die Neuzeit begann.

In Europa setzte sich das Osmanische Reich mit dem ÖsterreichischUngarischen Kaiserreich, mit den Spaniern, dem Papsttum, mit England, Polen, Frankreich und Russland auseinander; im Osten waren ihre Gegner die Staaten der Akkoyunlu, Timuriden, Mameluken, Safawiden und Karamano?ullar?. Die Osmanen konnten ihre Existenz bis zum 20. Jahrhundert aufrechterhalten und ein sich über drei Kontinente erstreckendesReich gründen.Sultan Selim‘Yavuz’

Sultan Süleyman der ‘Prächtige’ eroberte Ägypten, woraufhin das Kalifat an die Osmanen überging. Zur Zeit Süleyman des Gesetzgebers (des Prächtigen) reichten die Grenzen des Staates von der Krim im Norden bis nach Jemen und Sudan im Süden, bis in das Innere des Irans und bis zum Kaspischen Meer im Osten, bis nach Wien im Nordwesten und bis nach Algerien unter Einbeziehung von ganz Nordafrika im Südwesten.

Seit dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts begann das Osmanische Reich seine ökonomische und militärische Überlegenheit gegenüber Europa zu verlieren. Im 19. Jahrhundert begannen Aufstände auf osmanischem Boden, geschürt von Russland und einigen europäischen Staaten. Die sich vom Reich lösenden Christen begannen eigene Staaten zu gründen. Auch osmanische Reformbemühungen im Verlauf des 19. Jahrhunderts konnten den Zerfallsprozess nicht aufhalten. Die erste Konstitution (‘Me?rutiyet’; 1876), die in die Regierungszeit Abdülhamit II. fiel und der Türkei zum ersten Mal eine Verfassung im westlichen Sinne bescherte, zeigte keine positiven Auswirkungen. Die Verfassung wurde von den ‘JungTürken’ genannten Intellektuellen ausgearbeitet und Abdülhamit II. aufgezwungen. Diese konstitutionelle Periode fand jedoch mit der Schliessung des Parlaments durch den Sultan ein schnelles Ende, der für seine Massnahme den Osmanisch Russischen Krieg von 187778 zum Vorwand nahm.

Als Oppositionsbewegung bildeten die JungTürken die ‘Partei für Einheit und Fortschritt’ und deklarierten die Konstitution ein zweites Mal (1908), nachdem sie am 31. März als Folge einer Erhebung die Herrschaft selbst übernommen hatten. Die Niederlagen im libyschen Krieg gegen Italien (19111912) und im danach ausbrechenden Balkankrieg (19121913) eröffneten den Weg zur EinParteiendiktatur der Partei für Einheit und Fortschritt. Der Erste Weltkrieg (19141918), in dem sich das Osmanische Reich plötzlich an der Seite Deutschlands sah,brachteschliesslichsein Ende. Unmittelbar nach dem Waffenstillstandsabkommen von Mondros, das nach dem Krieg unterzeichnet wurde, begann die Besetzung des osmanischen Gebiets durch Frankreich, Italien, England und Griechenland, die bis zum Befreiungskrieg andauerte.

Die osmanische Kultur und Zivilisation: Das Osmanische Reich hinterliess ein ansehnliches kulturelles und zivilisatorisches Erbe. Da dieser Staat auch die kulturellen, künstlerischen und wissenschaftlichen Traditionen anderer türkischer und nichttürkischer Nationen übernahm, leistete er bedeutende Beiträge zur Geschichte der Zivilisationen. Eigene Beiträge leisteteer aufkünstlerischenGebieten wie

Architektur, Steinhauerei, Holzschnitzerei, Fayencenkunst, Ornamentenkunst, Miniaturmalerei, Kalligraphie und Bücherschmuck. Dieses Reich beeinflusste jahrhundertelang die Weltpolitik und liess innerhalb seines ausgedehnten Gebietes gegenüber verschiedenen Religionen, Sprachen und Nationen Gerechtigkeit und Toleranz walten. Es liess Religions und Gewissensfreiheit gelten und schützte innerhalb seines Herrschaftsbereichs die Sprachen und Kulturen seiner Volksgruppen.

Der Nationale Befreiungskrieg (19191923): Nachdem die Siegermächte entsprechend dem Waffenstillstandsabkommen von Mondros einen grossen Teil des osmanischen Bodens unter sich aufgeteilt hatten, begannen sich in Anatolien und Thrazien Verteidigungsfronten und Widerstandsgruppierungen herauszubilden. Das türkische Volk war gezwungen diese Widerstandsaktivitäten als Unabhängigkeitsbewegungen zu organisieren, und konnte dies unter der Führung von Mustafa Kemal verwirklichen. Mit der Landung Mustafa Kemals als Armeeinspektor in Samsun am 19. Mai 1919 begann der vierjährige Nationale Befreiungskrieg. Der am 22. Juni 1919 in Amasya veröffentlichte Erlass wareinAufrufzurnationalenBefreiung.Ihmfolgten die

Kongresse von Erzurum und Sivas. Das türkische Volk verkündigte auf dem Kongress von Erzurum seine Bereitschaft zur nationalen Unabhängigkeit der ganzen Welt mit diesen Worten: “Innerhalb der nationalen Grenzen ist das Land ein unteilbares Ganzes. Ein Mandat oder eine Schutzherrschaft werden nicht anerkannt.”

Am 16. März 1920 vollzogen die EntenteStaaten die Besetzung ?stanbuls und lösten das osmanische Parlament auf. Einige Abgeordnete wurden verhaftet, andere gingen nach Ankara und beteiligten sich an der nationalen Befreiungsbewegung.

Die Grosse Türkische Nationalversammlung wurde am 23. April 1920 in Ankara eröffnet. Zum Parlamentspräsidenten wurde Mustafa Kemal gewählt. Der Nationale Befreiungskampf sollte von nun an im Namen der Nation von diesem Parlament geführt werden. Nachdem Mustafa Kemal vom Parlamentzum Oberbefehlshaberbestimmt wurde, begann gegen die imperialistischen Staaten an allen Fronten der Kampf. Dagegen hatte die Regierung in ?stanbul am 10. August 1920 das Abkommen von Sèvres unterzeichnet, die schwerste Bedingungen gegenüber der Türkei enthielt.

Mustafa Kemal und die Regierung in Ankara erkannten das AbkommenvonSèvresnicht an.Zuerst wurdeder Kampf unter dem Oberkommando von Kaz?m Karabekir geführt und mit Erfolg abgeschlossen. MitArmenien wurde am 2. Dezember 1920 das Abkommen von Gümrü unterzeichnet. Dies war das erste internationale Abkommen, bei dem das türkische Parlament Vertragspartner war. Die Probleme bezüglich der Ostfront wurden mit dem Abkommen von Moskau vom16. März 1921, dasdie Regierungdes türkischen

ParlamentsmitRusslandabschloss, und mit dem Abkommen von Kars vom 13. Oktober 1921 mit Armenien, Aserbeidschan und Georgien vollständig gelöst. An der Westfront besetzten die griechischen Streitkräfte am 15. Mai 1919 ?zmir und begannen in östlicher Richtung in das ägäische Hinterland einzudringen. Sie wurden aber in der I. und II. Schlacht von ?nönü (JanuarApril 1921) aufgehalten und erlitten in der Feldschlacht von Sakarya (AugustSeptember 1921) eine schwere Niederlage. Gemäss dem mit Frankreich geschlossenen Abkommen von Ankara (Oktober 1921) zogen sich die Franzosen aus Adana und Umgebung zurück. Danach wurden alle Kräfte und Ressourcen des Landes für einen gross angelegten Angriff in der Westfront vorbereitet. Unter der grossen Angriffswelle (August 1922) erlitten die Griechen eine vernichtende Niederlage. Am 9. September 1922 wurde ?zmir befreit. Dieser militärische Erfolg hat die Gründung der Republik Türkei weiter beschleunigt. Zwischen der Regierung in Ankara und den EntenteStaaten wurde das Waffenstillstandsabkommen von Mudanya unterzeichnet und vereinbart (11. Oktober 1922) später zum Aushandeln der Bedingungen für ein Friedensabkommen in Lausanne eine Konferenz durchzuführen. Dass die EntenteStaaten zu dieser Konferenz auch die Regierung in ?stanbul einladen wollten, führte zum Ende des Sultanats. Das türkische Parlament trennte am 1. November 1922 Kalifat und Sultanat und schuf das Sultanat ab. Der letzte osmanische Sultan Mehmed VI. (Vahideddin) verliess am 17. November 1922 ?stanbul.

Das Friedensabkommen von Lausanne (24. Juli 1923): Die Friedensverhandlungen von Lausanne, an denen die Regierung in Ankara als einziger Vertreter der türkischen Seite teilnahm, begannen am 21. November 1922. Als es bei den Verhandlungen, deren türkische Seite der Aussenminister ?smet Pascha (?nönü) anführte, insbesondere bezüglich der Zukunft der Kapitulationen zu Meinungsverschiedenheiten kam, wurden sie im Februar 1923 abgebrochen. Auf eine Note von ?smet Pascha hin wurden sie jedoch am 23. April 1923 wieder aufgenommen. Das Friedensabkommen, das 143 Paragraphen und 17 Zusatzverträge, Protokolle und Erklärungen umfasste, setzte einen Schlusspunkt unter den Unabhängigkeitskrieg. Die Regierung des türkischen Parlaments wurde offiziell anerkannt, die nationalen Grenzen der Türkei festgelegt, die Kapitulationen aufgehoben, für die osmanischen Schulden Ratenzahlungen vereinbart, und die politische und ökonomische Unabhängigkeit der Türkei gemeinsam mit den Souveränitätsrechten wurden anerkannt. Das am 24. Juli 1923 im schweizerischen Lausanne unterschriebene Abkommen wurde am 23. August 1923 vom türkischen Parlament ratifiziert.

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